News — 30′ Lesedauer

the great reset – so wie wir ihn wollen

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the great reset – so wie wir ihn wollen

Der «great reset» ist keine neue Idee. Darum können wir auf Erfahrungen bauen. Wir wurden – neben vielen anderen – bei Epikur fündig.

Befolgen wir grundlegende Einstellungen über das Leben, wie sie Epikur an Menoikeus geschrieben hat, dann sind wir vor jedem Reset gefeit. Wir haben dann überhaupt keinen Resetknopf mehr, weil wir uns vernünftig für die Freude entscheiden und diese Gedanken jede Faser unseres Körpers sind. Das Immunsystem fängt mit unseren Gedanken an. Hinterfragen wir nichts, lassen wir uns bilden, formen. Unsere Glaubenssätze sind der Anfang (siehe k18: www.diediebe.ch/kalender).

«Epikur wünscht seinem lieben Menoikeus Freude!

Mit dem Philosophieren soll man getrost schon in der Jugend beginnen, aber im Alter auch nicht müde davon ablassen. Denn um für seine seelische Gesundheit etwas zu tun, ist keiner zu jung oder zu alt, und wer etwa meint, für ihn sei es zum Philosophieren noch zu früh oder schon zu spät, der könnte ebenso gut behaupten, der richtige Zeitpunkt  für seine Glückseligkeit sei noch nicht da oder schon vorbei. Also, philosophieren muss der junge wie der alte Mensch; dieser, damit er jung bleibt im dankbaren Genuss des Guten, das die Vergangenheit im schenkte, und jener, damit er furchtlos in die Zukunft blicken kann und dadurch jung und alt zugleich ist. Freilich muss man sich beizeiten in dem üben, was Glückseligkeit verleiht, denn in ihr besitzen wir alles, und wem sie fehlt, der gibt sich ja doch alle Mühe, sie zu erwerben. Darum tue Du, was ich Dir ständig anempfohlen habe, und übe Dich darin und sei gewiss, dass es die Grundbedingungen für ein wahrhaft schönes Dasein sind.

Vor allem glaube daran, dass die Gottheit ein unvergängliches und seliges Wesen ist – so jedenfalls lässt sich unsere Vorstellung von ihr ganz allgemein umreissen –, und hänge ihr nichts an, was ihrer Unvergänglichkeit zuwiderläuft oder was mit ihrer Unvergänglichkeit gepaarten Seligkeit gemäss ist. Denn Götter gibt es, da wir sie doch offenbar zu erkennen vermögen. Nur sind sie nicht so, wie die grosse Menge sie sich denkt, denn wie sie sich die Götter vorstellt, so sind sie nicht, und nicht der ist gottlos, der die Gottesvorstellung der Masse beseitigt, sondern wer den Göttern die Ansichten der Masse anhängt. Was die Masse über die Götter aussagt, entspricht nämlich nicht der richtigen Gotterkenntnis, sondern falschen Vermutungen. Aus diesem Grunde sieht sie als Fügung der Götter an, was den Bösen an Üblem widerfährt oder was die Guten fördert. Sie empfinden eben als fremd, was nicht wie sie selbst geartet ist, und lässt sich darum nur Götter gefallen, die ihresgleichen sind.

/// Diebische Anmerkung: Im Albanischen heisst die Ansprache «Herr» «Zot» und umgekehrt und «Zot» ist der Gott in den Religionen. Das gilt auch für die Frau, sie ist dann logischerweise die Göttin. Geehrte Frau Müller bedeutet dann geehrte Göttin Müller. Somit gibt es keine Trennung von Herr, Frau und Gott. Anders gesagt: Götter, Göttin und Gott sind in der albanischen Sprache wir selber oder können es sein. Da Albanisch eine alte Sprache ist (sie blieb konservierter als andere Sprachen), denken wir, hier ein Indiz gefunden zu haben für unsere These, dass wir Epikurs Gedanken zu den Göttern nicht mit unserem Gottesbild gleichzusetzen brauchen. Das verwirrt hier und wir verstehen kaum was. Wenn wir uns aber vorstellen, dass er eine starke, übergeordnete Macht meint, die von Menschen unseresgleichen ausgeübt werden kann, die dann als mächtige Götter erscheinen, dann verstehen wir mehr. ///

Ferner gewöhne Dich an den Gedanken, dass der Tod für uns ein Nichts ist. Beruht doch alles Gute und alles Üble nur auf Empfindung, der Tod aber ist Aufhebung der Empfindung. Darum macht die Erkenntnis, dass der Tod ein Nichts ist, uns das vergängliche Leben erst köstlich. Dieses Wissen hebt natürlich die zeitliche Grenze unseres Daseins nicht auf, aber es nimmt uns das Verlangen, unsterblich zu sein, denn wer eingesehen hat, dass am Nichtleben gar nichts Schreckliches ist, den kann auch am Leben nichts schrecken. Sagt aber einer, er fürchte den Tod ja nicht deshalb, weil er Leid bringt, wenn er da ist, sondern weil sein Bevorstehen schon schmerzlich ist, der ist ein Tor; denn es ist doch Unsinn, dass etwas, dessen Vorhandensein uns nicht beunruhigen kann, doch Leid bereiten soll, weil und solange es nur erwartet wird!

So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen, denn wo jene sind, ist er nicht, und diese sind ja überhaupt nicht mehr da.

Freilich, die grosse Masse meidet den Tod als das grösste Übel, sehnt ihn aber anderseits herbei als ein Ausruhen von den Mühsalen des Lebens. Der Weise dagegen lehnt weder das Leben ab, noch fürchtet er sich vor dem Nichtmehrleben, denn ihn widert das Leben nicht an, und er betrachtet das Nichtmehrleben nicht als ein Übel. Und wie er beim Essen nicht unbedingt möglichst viel haben will, sondern mehr Wert auf die gute Zubereitung legt, so ist er auch beim Leben nicht auf dessen Dauer bedacht, sondern auf die Köstlichkeit der Ernte, die es ihm einträgt. Wer nun aber verkündet, der junge Mensch müsse ein schönes Leben haben, der alte aber brauche einen schönen Tod, der ist albern, und zwar nicht nur, weil das Leben stets erwünscht ist, sondern auch darum, weil die Übung eines schönen Lebens gleichbedeutend ist mit der Vorübung für ein schönes Sterben. Noch viel minder aber ist wer das sagt:

«Schön ist’s, gar nicht geboren zu sein, …
Ist man geboren, aufs schnellste des Hades Tor zu durchschreiten.»

Ist dies nämlich seine wirkliche Überzeugung, warum gibt er dann das Leben nicht auf? Das steht ihm ja frei, wenn er es sich fest vornimmt. Redet er aber nur aus Spott so daher, dann gilt er bei denen, die solches Gerede nicht mögen, erst recht als Narr.

Wir dürfen eben nie vergessen, dass die Zukunft zwar gewiss nicht in unsere Hand gegeben ist, dass sie aber ebenso gewiss doch auch nicht ganz ausserhalb unserer Macht steht; so werden wir uns weder darauf verlassen, dass eintritt, was wir erwarten, noch werden wir verzweifeln, als könne es überhaupt nicht eintreten.

Man muss sich aber auch darüber klar werden, dass von unseren Begierden die einen naturbedingt, die anderen nichtig sind, und dass von den naturbedingten ein Teil notwendig, der andere eben nur natürlich ist, und schliesslich, dass von den notwendigen einige zur Erlangung der Glückseligkeit erforderlich sind, andere, um unsere Gesundheit vor Störungen zu bewahren, und wieder andere, um überhaupt leben zu können. Bei unbeirrbarer Betrachtung der Begierden lernt man nämlich, jedes Streben und jedes Meiden für die Gesundheit des Leibes und zur Wahrung der Seelenruhe zu nutzen, da diese beiden zusammen das glückselige Leben ausmachen. All unser Tun richten wir ja doch nur darauf, keinen Schmerz erdulden und keine Angst empfinden zu müssen. Haben wir aber diesen Zustand erst einmal erreicht, dann schwindet aller Aufruhr aus unserer Seele, da das Lebewesen sich nun nicht mehr gleichsam darauf einstellen muss, was ihm etwa noch fehle, und nichts mehr zu suchen braucht, womit es sein körperliches und seelisches Wohlbehagen erst vollkommen zu machen hätte. Denn nach Freude verlangt es nur, wenn wir sie schmerzlich vermissen; empfinden wir aber diesen Schmerz nicht, dann entbehren wir auch die Freude nicht mehr.

Darum behaupte ich, dass die Freude das A und O des glückselig gestalteten Lebens ist. Sie kennen wir als unser erstes angeborenes Gut, von ihr lassen wir uns bei unserem Streben und Meiden leiten und nach ihr richten wir uns, alles andere Gut mit ihrem Massstab messend. Und gerade weil sie unser allererstes, naturgegebenes Gut ist, darum streben wir auch nicht nach jeder Freude, sondern übergehen bisweilen viele, wenn uns von ihnen nur ein desto grösseres Unbehagen droht. Ja, viele Schmerzen bewerten wir mitunter sogar höher als Freude, nämlich dann, wenn auf eine längere Schmerzenszeit eine um so grössere Freude folgt. So bedeutet für uns also jede Freude, weil sie an sich etwas Annehmliches ist, zwar gewiss ein Gut, aber nicht jede ist erstrebenswert, wie umgekehrt jeder Schmerz wohl ein Übel ist, aber darum doch nicht unbedingt vermieden werden muss. Unsere Aufgabe ist es, durch Abwägen und Unterscheiden des Zuträglichen und Abträglichen immer alles richtig zu bewerten, denn manchmal bedienen wir uns des Guten gleich wie eines Übels und umgekehrt.

Auch die Selbstgenügsamkeit halten wir für ein grosses Gut, doch nicht, damit wir uns unter allen Umständen am wenigen genügen lassen, sondern damit wir mit wenigem zufrieden sind, wenn wir nicht viel haben. Dabei leitet uns die Überzeugung, dass der einen reichen Aufwand am stärksten geniesst, der seiner am wenigsten bedarf, dass alles Natürliche leicht zu beschaffen ist, das Sinnlose aber schwer, und dass schliesslich die schlichten Genüsse ebenso viel Freude bereiten wie der grösste Luxus, wenn nur das Schmerzgefühl des Entbehrens nicht aufkommt. Womit also gemeint ist, dass schon Brot und Wasser, wenn man sie zuvor entbehrte, einen Hochgenuss bereiten können. Ausserdem fördert die Gewöhnung an eine einfache, nicht üppige Lebensweise die Gesundheit, befähigt den Menschen, unverdrossen zu leisten, was das Leben von ihm fordert, lässt uns die reicheren Genüsse, die uns dann und wann einmal geboten werden, umso stärker empfinden und unterstützt unsere Furchtlosigkeit gegenüber dem Zufall.

Wenn wir nun also sagen, dass Freude unser Lebensziel ist, so meinen wir nicht die Freuden der Prasser, denen es ums Geniessen schlechthin zu tun ist. Das meinen die Unwissenden oder Leute, die unsere Lehre nicht verstehen oder sie böswillig missverstehen. Für uns bedeutet Freude: keine Schmerzen haben im körperlichen Bereich und im seelischen Bereich keine Unruhe verspüren. Denn nicht eine endlose Reihe von Trinkgelagen und Festschmäusen, nicht das Geniessen schöner Knaben und Frauen, auch nicht der Genuss von leckeren Fischen und was ein reichbesetzter Tisch sonst zu bieten vermag, schafft ein freudevolles Leben, vielmehr allein das klare Denken, das allem Verlangen und allem Meiden auf den Grund geht und den Wahn vertreibt, der wie ein Wirbelsturm die Seelen erschüttert.

An allem Anfang aber steht die Vernunft, unser grösstes Gut. Aus ihr ergeben sich alle übrigen Tugenden von selbst, ja sie ist sogar wertvoller als das Philosophieren, weil sie uns lehrt, dass in Freude zu leben unmöglich ist, ohne dass man ein vernünftiges, sittlich hochstehendes und gerechtes Leben führt, dass es umgekehrt aber auch unmöglich ist, ein vernünftiges, sittlich hochstehendes und gerechtes Leben zu führen, ohne in Freude zu leben. Denn die Tugenden sind mit dem freudevollen Leben eng verwachsen, und dieses ist von jenen nicht zu trennen.

Wen glaubst Du noch höher stellen zu können als den,

der von den Göttern fromm denkt, dem Tode allzeit furchtlos entgegensieht und das Ziel der Natur klar erkannt hat –

der erfasst hat, dass das höchste Gut leicht zu erfüllen und leicht zu erwerben ist, wogegen das grösste Übel entweder nur kurze Zeit währt oder nur kurzes Leid mit sich bringt –

der die von manchen als allgewaltige Herrscherin betrachtete Notwendigkeit verlacht – wäre es doch immer noch besser, dem alten Götterglauben zu huldigen, als sich der «Vorherbestimmung» der Naturphilosophen zu unterwerfen; jener bietet doch wenigstens noch die Aussicht, dass die Götter uns erhören, wenn wir sie verehren, während diese die unerbittliche Notwendigkeit schlechthin ist –

der im Zufall nicht, wie die breite Masse es tut, eine Gottheit sieht – eine Gottheit lässt nämlich nichts wahllos geschehen –, ihn aber auch nicht für einen ganz unsicheren Ausgangspunkt hält – denn er glaubt zwar nicht, dass den Menschen ein Gut oder Übel zum glückseligen Leben allein vom Zufall beschert wird, wohl aber, dass die Ansätze, aus denen grosse Güter und grosse Übel entstehen können, zufällig sein können –,

und dem es schliesslich lieber ist, bei richtiger Überlegung vom Zufall betrogen als bei falscher von ihm begünstigt zu werden – denn es ist besser, dass bei unserem Handeln der richtige Entschluss infolge eines Zufalls zu einem Misserfolg führt, als wenn wir uns falsch entschieden und trotzdem durch den Zufall ein Erfolg herbeigeführt wird –!

Dies also, und was mit ihm verwandt, übe Tag und Nacht, allein und mit einem Gesinnungsgenossen, und Du wirst niemals, weder wachend noch schlafend, in Unruhe geraten, sondern wirst leben wie ein Gott unter Menschen. Denn keineswegs gleicht einem vergänglichen Lebewesen ein Mensch, der in unvergänglichem Besitztum lebt.»

(Aus: Mewaldt, Johannes (1973). Epikur, Philosophie der Freude. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.)

Ja, es scheint als hätten die Götter unserer Zeit viel Macht. Die hatten sie aber wohl schon immer. Darum gelten sie auch als Götter. Setzten wir uns aber mit diesen diversen Göttern auseinander, stellen wir schnell das gleiche fest wie Epikur: dass die Götter zwar da sind, aber ihr Einfluss auf unser Leben kaum spürbar sein muss. Das macht sie vernachlässigbar.

Im Moment drückt ihr Einfluss vielleicht stärker auf unsere Leben als auch schon, aber wenn wir konzentriert und wach bleiben – so wie wir alle es eigentlich immer sein wollen – haben wir sogar mehr Möglichkeiten als sonst. Wie Max Frisch es gesagt haben soll: «Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen» (Frisch, irgendwann, irgendwo, erinnert.).

Und diese Botschaft möchten wir allen mitteilen. Den Alten, wie Epikur schreibt, damit sie jung bleiben im dankbaren Genuss des Guten, das die Vergangenheit ihnen schenkte und den Jungen, damit sie furchtlos in die Zukunft schauen können und damit sie alle jung und alt zugleich bleiben.

Furchtlos in die Zukunft schauen können im Moment wenige Menschen, geschweige denn die Jungen. So wie die jungen verantwortlich sind, dass es die Alten noch gibt, sind die Alten verantwortlich, dass sie den Jungen die Zuversicht auf den Weg geben, die sie ihr leben Lang gelernt haben. Wenn Solidarität, dann aber richtig.

Epikur wünscht seinem lieben Menoikeus Freude! Genau dies wünschen wir euch auch. Denn folglich streben wir alle danach und wenn wir die Glückseligkeit grad ein bisschen ausser Sicht bekommen haben, dann könnten wir uns darin üben, sie wieder aufrufen zu können, sie nicht zu verlieren oder sie eben an unsere Nächsten weiter zu geben. Darum gibt es unseren Kalender mit überlegten Worten, mit Musik: diediebe.ch/k2021 Bestelle deinen, indem du auf dieses Mail antwortest.

Wir haben gerade das Jahr gewechselt und bald wieder körperlich warme und helle Tage. Wir legen euch dies ans Herz. Denkt auch an die Nächsten. Und ja, wir wünschen dir Freude!

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