News — 5′ Lesedauer

Möchtest du eine Portion Reflexion?

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Möchtest du eine Portion Reflexion?

Du bist privilegiert, weil du lesen kannst. Weil du einen Schweizer Pass hast und auch weil du dieses Mail bekommst, weil dies nur Kulturinteressierte bekommen. Mit Kultur können sich meistens nur Leute auseinandersetzen, die sich nicht zu Tode arbeiten müssen. Oder Eltern haben, die für sie gesorgt haben und die jetzt ein gutes Studium geniessen oder einfach machen können was sie wollen. Dass du damit ein Riesenglück hast, willst du eigentlich gar nicht glauben. Solltest du aber, denn das ist dein Glück! Dein Glück darfst du geniessen. Du darfst auch andere daran Teil haben lassen. Du darfst damit machen was du willst. Das hast du deinen Vorfahren zu verdanken. Ich auch. Wir verlieren das auch nicht einfach so. Du kannst mir jetzt kindliche Naivität vorwerfen. Umso mehr wissen und Erfahrung du sammelst im Leben, desto klarer wird es, dass du keine Angst vor anderen Menschen haben solltest. Denn genau das will kein Mensch. Kein Lebewesen. Nichts will Angst. Wenn dir glaubhaft gemacht wird, dass du Angst haben sollst, dann weil über dich entschieden werden soll, will oder wird. Du hast aber deinen Raum. Oder deinen Spielraum. Dort ist niemand besser als du. Weil niemand deinen Raum besser kennt als du. Also, es gibt keinen Grund für Angst.

Aber eigentlich will ich eine Beobachtung mit dir teilen:

Du hast jetzt eine Chance etwas zu verstehen und nachzufühlen. Wenn du jetzt auf der Strasse läufst, dann sehen dich Menschen meistens vor dir, vor allem die älteren. Sie schauen ganz genau wie du läufst. Wechselst du nicht die Seite, dann machen sie das. Andere halten die Luft an wenn sie an dir vorbei laufen. Versuch mal ein Lächeln zu schenken. Das funktioniert kaum. Das wirst du höchstens drei Mal probieren. Danach gibst du auf. Oder du wirst ignorant und denkst an deine Arbeit oder an deinen Plan und dass die Corona-Krise bald vorbei ist und niemand Angst hat, du könntest den Virus haben und weitergeben.

Deine Chance: Stell dir vor du bist obdachlos. Deine Kleider sind nicht die neusten und du kannst sie nicht oft waschen. Methadon musst du auch nehmen, weil du als junger Menschen leider, ohne es zu wissen, in Kreisen gelandet bist, weil dich deine Eltern nicht vorbereiteten oder warnen konnten, weil sie an der Kasse in der Migros täglich arbeiten mussten um Ihre Wohnung und deine Zukunft zu bezahlen. Kannst du dir das vorstellen? So läufst du auf der Strasse. Jetzt sehen dich alle vor dir und beobachten dich von weitem ganz genau. Läufst du nicht auf der anderen Strassenseite, dann wechseln sie die Seite. Die Menschen halten die Luft an wenn sie an dir vorbei laufen. Sie bemühen sich ganz fest, dich nicht anzuschauen. Du kannst lächeln wie du willst. Es lächelt niemand zurück.

Weitere Chance: Stell dir vor, du bist frisch in die Schweiz gekommen. Weil du aus einem anderen Ort herkommst wo grad Krieg herrscht, siehst du müde aus und hast kaum Geld, dich richtig zu Kleiden, obwohl du weisst, dass Kleider Leute machen. Deine Hautfarbe ist auch einiges dunkler als die der meisten Menschen in der Schweiz. Läufst du auf der Strasse, sehen dich die meisten Menschen vor dir, vor allem die alten. Meistens wechseln sie die Seite und weil deine Ernährung anders ist als die von hier, halten viele den Atem an, wenn sie an dir vorbei laufen. Egal ob eine Epidemie oder Pandemie ist.

Weitere Chancen: Stellt dir vor, du wärst anders als du bist. Im Rollstuhl. Stark übergewichtig oder zu dünn. Eine Seite deines Gesichtes wäre gelähmt oder nur schon plötzlich in einer anderen Szene als deiner, nach Gefallen nachgeahmten, zu stehen genügt, um so behandelt zu werden.

So wie jetzt Menschen miteinander umgehen, gehen sie immer mit anderen um. Glaubst du nicht? Dann fangen wir wieder von vorne an. Du bist asozial, weil du privilegiert bist und kaum Probleme solcher Art hattest. Fang wieder von vorne an. Wirst du nicht, weil du in deinem Kreis bleiben willst. Aber glaube mir. Früher oder später wirst du diese Erfahrung machen werden und du wirst dich schämen, dies nicht früher begriffen zu haben. Oder du kennst all diese Erfahrungen schon und fühlst dich gestärkt und bestätigt von mir. Das ist schön. Denn ich glaube genau das sollten wir tun. Uns stärken, bestätigen und lieben.

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